Hildegard von Bingen - Ein mystisches Leben

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Hildegard von Bingen - Ein mystisches Leben

Postby Gast » 09.01.2007, 14:44

Hildegard von Bingen (* um 1098; † 1179 im Kloster Rupertsberg bei Bingen) war eine Benediktinerin (seit 1136 Äbtissin) und eine der bedeutendsten deutschen Mystikerinnen des Mittelalters, die sich mit so unterschiedlichen Disziplinen wie Religion, Medizin, Biologie und Musik beschäftigte. Obwohl sie eine Frau war und in der Zeit des Mittelalters lebte, gelang es ihr, sich gegen herrschende Meinungen durchzusetzen und Zustimmung zu finden. Die Andersartigkeit ihrer Denkansätze birgt nach Ansicht vieler noch heute Entdeckungspotential und Interpretationsmöglichkeiten. Ihre Reliquien werden in Eibingen aufbewahrt.
Hildegard von Bingen wurde als Tochter der Edelfreien Hildebert und Mechthild geboren. Weder Geburtstag noch Geburtsort werden von ihr oder ihren zeitgenössischen Biografen genannt. Alle Nennungen des Geburtsortes (wie Bermersheim vor der Höhe, wo die Familie Besitzungen hatte, oder das von den Humanisten genannte Böckelheim) beruhen auf Annahmen. Da ihr Vater Hildebert von Hosenbach tituliert wird, ist eine Geburt oder zumindest Kindheit dort (heute Niederhosenbach) wahrscheinlicher.

Als zehntes Kind der Eltern sollte sie ihr Leben der Kirche widmen (ein "Zehnter" an Gott). Ab 1106 (eine andere Quelle nennt 1112, vermutlich den Zeitpunkt ihres Gelübdes) wurde Hildegard mit Jutta von Sponheim, ihrer Lehrmeisterin, und einer dritten Frau in einer Klause an oder in dem von Benediktinermönchen bewohnten Kloster Disibodenberg eingeschlossen.

Nach dem Tode Juttas von Sponheim in der mittlerweile zum Kloster gewachsenen Klause wurde sie 1136 zur Lehrmeisterin der versammelten Schülerinnen gewählt. Bei der Leitung ihrer Anhängerschaft und zur Begründung ihrer geschriebenen Texte berief sich Hildegard auf Visionen, die nach ihrer eigenen Darstellung 1141 einsetzten. Mehrfach kam es zu Auseinandersetzungen mit Abt Hugo von Disibodenberg, weil Hildegard die Askese, eines der Prinzipien des Mönchtums, weitgehend ablehnte. So lockerte sie in den Reihen ihrer Anhängerinnen die Speisebestimmungen und kürzte die Gebets- und Gottesdienstzeiten. Offener Streit brach aus, als Hildegard mit ihrer Gemeinschaft ein eigenes Kloster gründen wollte. Die Benediktiner von Disibodenberg stellten sich dem entschieden entgegen, da die Frauen zu ihrem Kloster gehörten. Im Verlauf der Auseinandersetzungen um die Abspaltung ihrer Anhängerschaft suchte Hildegard Unterstützung bei Bernhard von Clairvaux, der jedoch Visionen skeptisch gegenüber stand und Hildegard in einem Brief vor Überheblichkeit warnte.

Dennoch begann Hildegard 1141 in Zusammenarbeit mit Propst Volmar von Disibodenberg und ihrer Vertrauten, der Nonne Richardis von Stade, ihre Visionen und theologischen wie anthropologischen Vorstellungen in lateinischer Sprache niederzuschreiben. Da sie selbst kein Latein beherrschte, ließ sie alle Texte von ihrem Schreiber (letzter Sekretär: Wibert von Gembloux) in korrektes Latein fassen. Ihr Hauptwerk Liber Scivias Domini (Wisse die Wege des Herrn) entstand in einem Zeitraum von sechs Jahren. Dieses Buch enthält 35 Miniaturen. Diese Miniaturen theologischen Inhalts sind äußerst kunstvoll in leuchtenden Farben gemalt und dienen hauptsächlich zur Veranschaulichung des komplizierten und tiefsinnigen Textes. Die Originalhandschrift gilt seit Ende des 2. Weltkrieges als verschollen, in der Eibingener Abtei ist heute eine illuminierte Kopie aus dem Jahr 1939 zu besichtigen.

Während einer Synode in Trier bekam Hildegard 1147 schließlich von Papst Eugen III. die offizielle Erlaubnis, ihre Visionen zu veröffentlichen. Diese Erlaubnis stärkte auch ihre politische Bedeutung. Darüber hinaus wurde sie zu diesem Zeitpunkt wegen ihrer Visionen geschätzt und stand mit vielen geistlichen und weltlichen Mächtigen in Korrespondenz. So in ihrer Bedeutung gefestigt, gründete sie zwischen 1147 und 1150 schließlich das Kloster Rupertsberg auf der linken Seite der Nahe, das heute nicht mehr existiert. Heute gehört der später um das Kloster Rupertsberg entstandene Ort Bingerbrück zu Bingen am Rhein.

Bereits 1151 kam es zu neuen Auseinandersetzungen mit geistlichen Amtsträgern: Der Mainzer Erzbischof Heinrich und sein Bremer Amtsbruder verlangten, dass Richardis von Stade das neue Kloster verlasse. Richardis war die Schwester des Bremer Erzbischofs und sollte Äbtissin des Klosters Bassum werden. Hildegard verweigerte die Freistellung ihrer engsten Mitarbeiterin zunächst und schaltete Eugen III. ein. Dennoch setzten sich die beiden Erzbischöfe schließlich durch und Richardis verließ das Kloster Rupertsberg.

Nach dieser Einigung bestätigte Erzbischof Heinrich schließlich 1152 die Überschreibung der durch Hildegards Ruf sehr umfangreich gewordenen Klostergüter. Das Kloster wurde durch Schenkungen äußerst wohlhabend. Dies wirkte sich auch auf das Klosterleben aus und rief Kritik hervor. So griffen mehrere Geistliche Hildegard an, weil ihre Nonnen entgegen dem monastischen Armutsgebot luxuriös lebten und nur Frauen aus adligen Familien aufgenommen wurden. Hildegard trat der populären Bewegung der Bettelorden entschieden entgegen.

Da die Zahl der Nonnen im Rupertsberger Kloster ständig zunahm, erwarb Hildegard 1165 das Augustiner-Kloster in Eibingen und gründete dort ein noch bestehendes Filialkloster, in das jetzt vor allem auch Bürgerliche eintreten konnten. Die Zerstörung des Klosters Rupertsberg erfolgte im Jahre 1632 während des Dreißigjährigen Krieges. Die erhaltenen Kunstgegenstände, vor allem das gold-purpurne Antependium, zeugen vom ehemaligen Reichtum Rupertsbergs.
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